Das Leid mit der „deutschen Leitkultur“

Von Thomas Cohnen, Neustadt/Weinstraße

Bild: MjFe

Im Mai wurden wir Zeuge des erneuten Auflebens einer Diskussion, die seit 20 Jahren periodisch aufflammt, ohne für nennenswerte Erleuchtung zu sorgen – die um die „deutsche Leitkultur“. Auslöser hierfür war ein Gastbeitrag von Innenminister Thomas de Maizière, den die „Bild am Sonntag“ bereits Ende April veröffentlicht hat. In zehn Punkten versucht de Maizière dabei die Frage zu beantworten, was eine Leitkultur für Deutschland sein könnte.

Ich will im Folgenden gar nicht auf die einzelnen Thesen des Innenministers eingehen. Vielmehr möchte ich versuchen darzulegen, dass die Prämissen, aus denen er seine Beschreibung einer „Leitkultur für Deutschland“ entwickelt, aus sozialliberaler Sicht zurückzuweisen sind. Diese Prämissen bezieht er aus einem traditionellen Kulturverständnis, wie es gegen Ende des 18. Jahrhunderts entwickelt wurde.

De Maizières traditionelles Kulturverständnis

Von der Antike bis zur Renaissance bezog sich der Terminus „Kultur“ (von lat. cultura) auf eng eingegrenzte spezifische Tätigkeitsbereiche. Der Fokus lag dabei auf dem Ausbau oder der Pflege des in diesem Bereich Bearbeiteten. So spricht Cicero z.B. von der Pflege des Geistes (cultura animi), wenn er den Zweck und die Wirkung des Philosophierens beschreibt.

Der Naturrechtslehrer Samuel von Pufendorf war im späten 17. Jahrhundert vermutlich der erste, der „Kultur“ als Generalbegriff verwendete, um mit ihm die Gesamtheit der Tätigkeiten und Dinge zu benennen, durch die der Mensch sein Leben als spezifisch menschliches gestaltet. Gut 100 Jahre später formulierte schließlich Herder jenen Kulturbegriff, der auch heute noch eine hohe Verbindlichkeit aufweist.

Demnach ist „Kultur“ im Wesentlichen durch drei Merkmale gekennzeichnet:

(1) Eine Kultur ist immer die Kultur eines Volkes. (2) Eine Kultur prägt das Leben des betreffenden Volkes immer im Ganzen und macht aus jeder Handlung und jedem Artefakt einen spezifischen Ausdruck dieser Kultur. (3) Jede Kultur unterscheidet sich spezifisch von anderen Kulturen und ist von diesen abgegrenzt.

Gemäß diesem traditionellen Kulturverständnis ist eine Kultur also (1) ethnisch fundiert, (2) sozial homogenisierend und (3) interkulturell abgrenzend.

Unter dem ersten seiner zehn Punkte zu einer deutschen Leitkultur formuliert de Maizière: „Wir legen Wert auf ei­ni­ge so­zia­le Ge­wohn­hei­ten, nicht weil sie In­halt, son­dern weil sie Aus­druck einer be­stimm­ten Hal­tung sind: Wir sagen un­se­ren Namen. Wir geben uns zur Be­grü­ßung die Hand. Bei De­mons­tra­tio­nen haben wir ein Ver­mum­mungs­ver­bot. „Ge­sicht zei­gen“ – das ist Aus­druck un­se­res de­mo­kra­ti­schen Mit­ein­an­ders. Im All­tag ist es für uns von Be­deu­tung, ob wir bei un­se­ren Ge­sprächs­part­nern in ein freund­li­ches oder ein trau­ri­ges Ge­sicht bli­cken. Wir sind eine of­fe­ne Ge­sell­schaft. Wir zei­gen unser Ge­sicht. Wir sind nicht Burka.“

Es ist nicht schwer zu erkennen, dass der Innenminister mit seiner Vorstellung einer deutschen Leitkultur voll und ganz im Fahrwasser des von Herder dargelegten traditionellen Kulturbegriffs segelt. Mit seinem gebetsmühlenartig wiederholten „Wir“, das unweigerlich ein „und die Anderen“ konnotiert, ohne es konkret zu benennen, bekennt er sich zu einem kulturellen Separatismus. Dieses „Wir“ behauptet zudem eine klare Homogenität „sozialer Gewohnheiten“. Und auch wenn er sich bemüht, von einer ethnischen Fundierung seines Kulturverständnisses Abstand zu halten, indem er klarstellt: „Wenn ich aber von „wir“ spreche, dann meine ich zuerst und zunächst die Staatsbürgerinnen und Staatsbürger unseres Landes“ – das Abstammungsprinzip im Staatsangehörigkeitsgesetz lässt diesen Distanzierungsversuch doch sehr halbherzig wirken.

Kritik am traditionellen Kulturbegriff

De Maizières Forderung nach einer deutschen Leitkultur liegt die Vorstellung einer ethnisch fundierten, sozial homogenisierenden und separatistisch abgrenzenden Kultur zu Grunde, in der sich die kollektivistische Identität einer Nation einheitlich und Einheit stiftend artikuliert. Dementsprechend lassen sich alle Kritikpunkte, die sich gegen das klassische Kulturmodell vorbringen lassen, auch auf diese Forderung übertragen:

(1) Seine ethnische Fundierung ist politisch gefährlich, wie wir aus der jüngeren deutschen Geschichte wissen.

(2) Moderne Gesellschaften sind bezüglich Lebensweisen und Lebensformen in sich so stark ausdifferenziert, dass ein Homogenisierungsgebot, wie der traditionelle Kulturbegriff es formuliert, weder erreichbar noch wünschenswert erscheint. Hinzu kommt, dass die Gesellschaften extern so stark miteinander vernetzt sind, dass die unterschiedlichen Lebensweisen und Lebensformen die Grenzen der Nationalkulturen längst überschritten haben – wenn es sie denn jemals gab.

(3) Die Unterscheidung des Eigenen vom Fremden, wie sie das klassische Kulturmodell vornimmt, tendiert zu einem kulturellen Separatismus, der das gegenseitige Verstehen der Kulturen erschwert und dadurch das Entstehen politischer Konflikte begünstigt.

Anstelle einer „deutschen Leitkultur“: Plädoyer für einen pragmatischen (sozialliberalen) Kulturbegriff

Die traditionelle Vorstellung einer ethnisch fundierten, homogenisierenden und das Eigene vom Fremden separierenden Leitkultur ist angesichts der Globalisierung und der zunehmenden digitalen Vernetzung der Gesellschaften nicht mehr zeitgemäß. Der sich beschleunigende Austausch von Waren, Informationen und nicht zuletzt auch Menschen hat zu einer Durchdringung der Kulturen geführt, die Gemeinsamkeiten über traditionelle kulturelle Grenzen hinweg stiften. Infolgedessen verlaufen viele Konfliktlinien gar nicht mehr in erster Linie zwischen den Kulturen, sondern vielmehr innerhalb dieser.

Viele gewohnte Orientierungsmuster – „Wir sagen unseren Namen. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand.“ – sind dadurch verloren gegangen oder zumindest fragwürdig geworden. Insofern ist de Maizières Forderung nach einer (neuen) deutschen Leitkultur einerseits verständlich – als Versuch, durch den Rückgriff auf Vertrautes das Gefühl der Sicherheit zu erzeugen.

Andererseits ist dies keine zukunftsfähige Option. Zeitgemäße Kulturkonzepte müssen sich den Herausforderungen stellen, die aus der Hybridisierung der Kulturen resultieren. Die kulturellen Identitäten sind komplex geworden; die Probleme, die daraus resultieren, dulden keine simplen Antworten.

Zum Abschluss plädiere ich daher für einen pragmatischen Kulturbegriff – einen Kulturbegriff, der über die Grenzen der Kulturen auf die Entwicklung einer gemeinsamen Lebenspraxis ausgerichtet ist. Kultur im Sinne dieses Begriffs betont nicht die Divergenzen, sondern die Anschlussmöglichkeiten, die zwischen unterschiedlichen Kulturen bestehen. Aus einer solchen Perspektive heraus zeigt sich z.B. schnell, dass unterschiedliche Kulturen durchaus ein gemeinsames Interesse daran haben können, dass sich Menschen beim Zusammentreffen respektvoll begrüßen. Aber muss das unbedingt in Form eines Handschlags geschehen? Wichtiger als die Frage nach gemeinsamen Artikulationsformen ist im Sinne eines pragmatischen Kulturbegriffs also die Frage nach geteilten Werten.

Ein pragmatisch orientiertes Kulturverständnis sucht interkulturelle Verflechtungen und Überschneidungen, um sie für kulturübergreifende Verständigungsprozesse fruchtbar zu machen. Sie bewahrt aber auch das Recht auf Eigenheiten, wo es angezeigt ist. Es ist die Kultur einer offenen Gesellschaft, die nicht, wie de Maizière es suggeriert, so heißt, weil man in ihr offen sein „Gesicht zeigt“ statt Burka zu tragen; sondern weil sie es den einzelnen Menschen offen lässt, wie sie sich z.B. kleiden.

Eine solche Kultur denkt vom Individuum und seinem Recht auf freie Selbstentfaltung aus, nicht von einem wie auch immer konstruierten kulturellen Kollektiv, dem sich das Individuum im Sinne eines „Man-macht-das-so“ unterzuordnen hätte. Von dieser Warte aus ist eine solche pragmatische Kultur im besten Sinne des Wortes liberal. Eine solche Kultur ist aber auch darauf ausgerichtet, Übergänge zwischen den Individuen zu stiften und sie so zu solidarischen Lebensgemeinschaften zusammenzuführen. In diesem Sinne ist eine solche pragmatische Kultur im besten Sinne des Wortes sozialliberal.

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