Der Konterrevoluzzer. Alexander Dobrindts Flirt mit der Neuen Rechten

http://www.timoessner.de/2018/01/konservative-revolution/

50 Jahre, nachdem die Bürgerrechtsbewegungen der 60er Jahre ihren Höhepunkt erreichten, ruft ein bayrischer Politiker die Konterrevolution aus: „Auf die linke Revolution der Eliten folgt eine konservative Revolution der Bürger“, schreibt der Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Alexander Dobrindt, zu Jahresbeginn in einem Gastbeitrag für „Die Welt“. Und weiter: „Wir unterstützen diese Revolution und sind ihre Stimme in der Politik.“

Zu Recht fühlt man sich an den Ausspruch des AfD-Vorsitzenden Meuthen auf einem Parteitag 2016 erinnert, seine Partei wolle weg vom „links-rot-grün versifften 68er-Deutschland“. Aber zu glauben, Dobrindt wolle nur an jenem frenetischen Beifall partizipieren, den Meuthen für seine Aussage von den Parteitagsbesuchern erntete, wäre doch zu arglos. Denn die Bindung, die Dobrindt mit seinem Artikel zur Neuen Rechten sucht, geht bedeutend tiefer.

Im Jahre 1949 erschien die Dissertation des Schweizers Armin Mohler, der 1941 noch versuchte, als Freiwilliger bei der SS am Kampf der Nazis gegen die Sowjetunion teilzunehmen. Unter dem Titel „Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1932“ fasste Mohler die verschiedensten radikalnationalistischen Autoren der Weimarer Republik als eigenständige Denkschule zusammen, die er vom Nationalsozialismus sauber getrennt sehen wollte. Die „guten Rechten“ gewissermaßen. Dass Mohlers Versuch einer alternativen rechten Geschichtsschreibung nicht ohne gravierende Geschichtsklitterung einhergehen konnte, blieb auch seinem Doktorvater Karl Jaspers nicht verborgen. Der fasste ein eindeutiges Urteil über Mohlers Arbeit, zog aber leider die falsche Schlussfolgerung: „Ihre Arbeit ist eine großangelegte Entnazifizierung dieser Autoren, die besticht und heute in Deutschland mit Begierde gelesen werden wird. Wenn ich nicht wüsste, dass Deutschland politisch nichts mehr zu sagen hat, sondern dass alles auf USA und Russland ankommt, könnte ich die Verantwortung für Ihre Dissertation nicht übernehmen. Da sie so aber bloßen Unfug stiften wird, nehme ich sie an.“

Mag Mohlers Machwerk nicht mehr sein als bloßer Unfug, für die Neue Rechte wurde er zum wichtigsten Vordenker. Seine Dissertation erscheint noch heute im Antaios-Verlag des Höcke-Intimus Götz Kubitschek. Wie auch ein weiteres Werk, das als Standardwerk der identitären Bewegung gilt: „Gegen die Liberalen“, nach der verlagseigenen Kurzrezension eine treffsichere Liberalenbeschimpfung, nach deren Lektüre man wisse, dass man rechts ist.

Möglicherweise hat Alexander Dobrindt von den Bezügen seiner Forderung einer konservativen Revolution zur Neuen Rechten keine Ahnung. Wahrscheinlicher ist, dass er von Mohler zumindest gehört hat, denn schließlich war der einmal Berater von Franz-Josef Strauß, nach dessen Diktum es rechts von der CSU bekanntlich keine politische Kraft geben dürfe. Sicher ist aber, dass Dobrindt mit seinem Schwenk in Richtung der Neuen Rechte die Axt an die Wurzeln unserer liberalen Gesellschaft legt.

Lektüretipp:

Volker Weiß: Die Autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes. Klett-Cotta

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