Vererbtes Leben – für eine Zustimmungsregelung bei der Organspende

Derzeit warten mehr als 10.000 Menschen in Deutschland auf ein Spenderorgan. Noch nicht einmal 800 Menschen wurden im vergangenen Jahr Organe entnommen. Angesichts dessen verwundert es nicht, dass täglich durchschnittlich drei Menschen auf der Warteliste versterben.
Mit 9,3 Spendern pro eine Million Einwohner ist die Zahl der Organspender in der Bundesrepublik inzwischen so niedrig, dass die Mitgliedschaft im Eurotransplant-Verbund gefährdet ist. Die Stiftung Eurotransplant, verantwortlich für die Zuteilung von Spenderorganen in acht europäischen Ländern, setzt zehn Spender pro Million Einwohner voraus, um einem Land ein „ernst zu nehmendes Organspendesystem“ zu attestieren.
Und was gedenkt die neue GroKo-Regierung, wenn sie denn ins Amt kommt, gegen diese desolate Situation zu unternehmen? Im Koalitionsvertrag finden sich zu diesem Thema ganze drei Zeilen (4651 – 4653):

„Wir wollen die Zahl der Organspenden in Deutschland erhöhen. Dazu werden wir eine verbindliche Freistellungsregelung für Transplantationsbeauftragte schaffen und diese finanzieren. Die Organentnahme wird höher vergütet.“
Richtig ist: Aufgrund der derzeitigen Vergütungsregelungen für die Entnahme von Spenderorganen sind nur wenige Kliniken interessiert, sich überhaupt am Organspendeverfahren zu beteiligen. Zudem ist durch so manchen Skandal in der Vergangenheit das Vertrauen in das Organspendesystem verloren gegangen. Die Stärkung der Transplantationsbeauftragten ist hier sicher ein mögliches Mittel, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen.
Dennoch setzen die Vereinbarungen zu sehr am organisatorischen Rahmen für ein System an, dem es in erster Linie an Spendern fehlt. Gesundheitsminister Spahn hat jüngst versucht, dies durch eine gesetzliche Neuregelung  zu ändern. Dabei sollte die Zustimmungs- durch eine Widerspruchslösung ersetzt werden. Danach wird jeder Mensch nach dessen Tod als potentieller Organspender behandelt, sofern er zu Lebzeiten dagegen nicht Widerspruch eingelegt hat und bei denen kein Widerspruch von Angehörigen vorliegt.
Bereits im Jahr 2007 hat der Nationale Ethikrat dafür plädiert, eine Widerspruchslösung einzuführen.
Das wichtigste Argument für eine solche Regelung: Jeder Mensch ist anderen Menschen gegenüber, die sich in einer schweren Notlage befinden, zur Hilfe verpflichtet, sofern diese für ihn selbst keine gravierenden Nachteile mit sich bringt. Menschen, die ein Spenderorgan brauchen, um weiterleben zu können, befinden sich zweifellos in einer schweren Notlage, während Verstorbene, die diesen Menschen ihre Organe zur Verfügung stellen, keine gravierenden Nachteile mehr erleiden.
Andererseits werden nicht einfach alle Menschen per Gesetz zur Organspende verpflichtet. Auf eine z.B. weltanschaulich begründete Ablehnung der Organspende wird ausreichend Rücksicht genommen, indem die Möglichkeit eingeräumt wird, der generellen Regelung begründungslos zu widersprechen.
Dass eine Widerspruchsregelung eine Erhöhung der Organspendezahlen bewirkt, zeigt ein Blick in die Länder, die eine solche Regelung eingeführt haben: In Belgien spenden je Million Einwohner im Schnitt 30,6 Menschen, in Kroatien 31,8 und in Spanien sogar 46,9.
Spahns Gesetzesinitiative ist im Bundestag gescheitert. Es gilt weiter die Zustimmungsregelung, wonach postmortale Organentnahmen nur dann erlaubt sind, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten ausdrücklich seine Zustimmung hierzu erteilt hat, z.B. in Form eines Organspendeausweises.
Aus liberaler Sicht ist das zu begrüßen. Denn eine Widerspruchslösung hätte in der Tat einen weitreichenden Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen dargestellt, für den es zudem keinen zwingenden Grund gibt. Denn gut 70% der Menschen in Deutschland geben in Umfragen an, dass sie prinzipiell zu einer Organspende bereit wären. Problematisch ist, dass nur 25% dieser spendebereiten Menschen auch einen Organspendeausweis besitzen, ihre Spendebereitschaft also allzu passiv bleibt. Ob eine Widerspruchslösung an dieser Passivität etwas zu ändern in der Lage wäre scheint doch sehr zweifelhaft. Besser wäre es, durch Aufklärung darauf hin zu wirken, dass mehr potentielle Spender ihre Bereitschaft auch dokumentieren.

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